Eingängig schreiben – wäre es nicht schön, dafür eine Faustregel zu haben, möglichst von einem erfolgreichen Praktiker? Das Zitat im Beitragsbild scheint genau dies zu liefern: Joseph Pulitzer war nicht nur Namensgeber eines Preises für Literatur, Journalismus, Pressekarikatur und mehr, sondern ein US-Zeitungsverleger, der wusste, wie man ein Massenpublikum gewinnt. Aber was heißt hier „Nach Joseph Pulitzer“?
„Eingängige Schreibe – einladendes Layout: Faustregeln für Textgestaltung aus Rhetorik, allerlei Stilschulen und einem Design-Handbuch“ weiterlesenReden bauen, Bilder basteln? Die rhetorischen Produktionsstadien – Dritte Sitzung des Seminars “Text-Bild-Rhetorik” an der Muthesius-Kunsthochschule
So fängt es an: oben eine Denkblase, in der Mitte zwei suchend geöffnete Augen, zwei Hände greifen nach unten. Und so vollendet es sich: oben eine Sprechblase und ein sympathisch lächelndes Gesicht, unten das Publikum, zwei Hände greifen weit aus.
So einfach und raffiniert veranschaulichte eine Seminarteilnehmerin die Ideensuche für eine Rede (inventio) und deren Vortrag (actio). Ähnlich sinnfällig erscheinen die drei Produktionsstadien dazwischen: Man muss die gefundenen Ideen gliedern (dispositio), ausgestalten (elucutio) und sich schließlich den fertigen Text einprägen (memoria), denn abgelesen wurde nicht in antiken Rede-Arenen.
Dieses “Stadienmodell“ der Redeproduktion hat sich “über die Jahrtausende als praktikabel erwiesen“ und ist “insofern semiotisch [=zeichentheoretisch] universell, als [die Stadien] bei jeglicher Produktion und bei jeglichem Gebrauch von Texturen (der Musik-, Sprach-, Bildzeichensysteme usw.) ins Spiel kommen können“. Meint jedenfalls Joachim Knape in einem grundlegenden Artikel zur “Bildrhetorik”. 1 Doch auch wenn sich das Modell mit modernen Bildzeichen wie Sprech- und Denkblasen illustrieren lässt – ist es wirklich noch einschlägig für das Verfertigen rhetorischer Bildwerke heute?
„Reden bauen, Bilder basteln? Die rhetorischen Produktionsstadien – Dritte Sitzung des Seminars “Text-Bild-Rhetorik” an der Muthesius-Kunsthochschule“ weiterlesen- Joachim Knape (2005): Bildrhetorik. In: Klaus Sachs-Hombach (Hg.): Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Frankfurt a.M., S. 134–148, hier 144, vgl. Gert Ueding/Bernd Steinbrink (52011): Grundriß der Rhetorik. Geschichte, Technik, Methoden. Stuttgart, S. 210.[↩]
Überreden oder überzeugen… oder was? Rhetorische Wirkungsfunktionen und Gattungen – Zweite Sitzung des Seminars „Text-Bild-Rhetorik“ an der Muthesius Kunsthochschule Kiel
“Welche Adjektive fallen euch zu diesen Fotos der US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez ein?”
Auch die zweite Sitzung begann mit einer Frage, diesmal nicht von einem Wort ausgehend, sondern von drei Pressefotos, die ich zusammengestellt hatte. Die Antworten der Studierenden waren nicht völlig deckungsgleich, denn wortlose Körpersprache ist nie ganz eindeutig, aber sie passen durchaus zusammen – und werden hier wohlsortiert präsentiert:
„Überreden oder überzeugen… oder was? Rhetorische Wirkungsfunktionen und Gattungen – Zweite Sitzung des Seminars „Text-Bild-Rhetorik“ an der Muthesius Kunsthochschule Kiel“ weiterlesen„Wenn ich ,Rhetorik‘ höre, denke ich an…“ Erste Sitzung des Seminars „Text-Bild-Rhetorik“ an der Muthesius Kunsthochschule Kiel
Ein Priester hält eine Bußpredigt – programmatischer Auftakt zum „Basler Totentanz“ 1, der selbst eine Bußpredigt war, wenn auch in Wort und Bild auf einer Friedhofswand und schon bald als Buch – ich habe den Zusammenhang durch eine Sprechblase verdeutlicht.
Wie wirken Text und Bild konkret auf solchen ,Sehflächen‘ 2 zusammen, um Meinungen zu beeinflussen? Diese Frage wurde spätestens mit der Erfindung von Reproduktionsmedien wie Holzschnitt und Buchdruck bedeutsam und ist im digitalen Zeitalter relevanter denn je – in der Rhetorikforschung wurde sie aber bisher vernachlässigt. Ich nenne sie „Text-Bild-Rhetorik“ und hoffe, dass ich mit meiner Faszination dafür den einen oder die andere ein bisschen anstecken kann. Nicht nur in wissenschaftlichen Aufsätzen, sondern auch in diesem Blog und durch Lehrveranstaltungen. Und nicht nur durch Lehrveranstaltungen in meinem natürlichen Habitat als Literaturwissenschaftler, zum Beispiel im Masterseminar „Text-Bild-Rhetorik“ am Institut für Literatur und Medienwissenschaften der Uni Kiel 2021. Sondern auch in einem Seminar am Institut für Kunst und Medienwissenschaften der Kieler Muthesius-Hochschule für Kunst und Design 2025/2026.
„„Wenn ich ,Rhetorik‘ höre, denke ich an…“ Erste Sitzung des Seminars „Text-Bild-Rhetorik“ an der Muthesius Kunsthochschule Kiel“ weiterlesen- Hier in Johann Rudolf Feyerabends Aquarellkopie aus dem Jahr 1806.[↩]
- Zu diesem Begriff Ulrich Schmitz (2011): Sehflächenforschung. In: Hajo Diekmannshenke/Michael Kemm/Hartmut Stöckl (Hg.) (2011): Bildlinguistik. Theorien, Methoden, Fallbeispiele. Berlin, S. 23–42.[↩]
„Das erinnert mich an ein Witzchen…” Entlarvende Dialog-Komik in politischen Karikaturen und Memes
Auftakt: Die herrschende Klasse als Witzfiguren-Duo
Welche Figuren stellen Sie sich vor, wenn Sie folgenden Mini-Dialog lesen?
Am 1. Mai.
„Kindermann, was wollen eigentlich, äh, diese Arbeiter?“
„Verzeihen, Durchlaucht, sie wollen den Achtstundentag.“
„Ganz unglaublich, Kindermann, wie dumm dieses Volk ist. Sagen Sie ihm doch, äh, daß Achtstundentag unmöglich! Einfach unmöglich! Tag wird immer, äh, vierundzwanzig Stunden haben!“
„„Das erinnert mich an ein Witzchen…” Entlarvende Dialog-Komik in politischen Karikaturen und Memes“ weiterlesenKarikaturen als Leitartikel? Vorwort zu Heiko Sakurais Jahresrückblick 2024
Auf Englisch heißen politische Karikaturen ,editorial cartoons’, also ,Leitartikel-Karikaturen’. Das meinte einstmals, dass sie prominent in der Nähe eines Leitartikels abgedruckt wurden, was noch immer vorkommen soll. Es hieß und heißt aber vor allem, dass Karikaturen ähnlich wie Leitartikel Stellung zu wichtigen Themen nehmen und den Leser*innen Denkanstöße geben. Aber können sie das wirklich? Kann man in ein-zwei, höchstens drei Bildchen komplizierte Ereignisse und Entwicklungen nicht nur darstellen, sondern auch kommentieren, und zwar schnellstens verständlich und nach Möglichkeit auch noch witzig? Wie differenziert kann so ein ,Artikel‘ überhaupt sein?
„Karikaturen als Leitartikel? Vorwort zu Heiko Sakurais Jahresrückblick 2024“ weiterlesenBismarck als Pfau, „Bernie“ als Beyoncé: Porträtkarikaturen zwischen Spott, Spiel und Huldigung
Haben Sie sich vielleicht auch einmal von einem Straßenkarikaturisten zeichnen lassen?1 Wenn ja: Neigen Sie etwa zum Masochismus? Wohl kaum. Eher dürften Sie über Humor und ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen und einfach neugierig gewesen sein, wie jemand Ihre Erscheinung grafisch zuspitzen würde. Wenn dem so ist, dann waren Sie beim Modellsitzen ziemlich nah am Ursprung der Karikatur im engeren Wortsinn von caricatura, was wörtlich ,Überfrachtung‘ heißt und Porträtkarikatur bedeutet. Die italienische caricatura begann um 1600 als artistisches Gesellschaftsspiel überwiegend im Geist gutmütiger Neckerei, wurde dann über einen Straßenkarikaturisten nach England vermittelt und wanderte erst dort in die politische Bildsatire ein. Diese gut erforschte Geschichte soll hier anhand markanter Beispiele in Erinnerung gerufen werden; vor allem aber ist zu zeigen, dass auch scheinbar spöttische Darstellungen von Politiker:innen in Pressekarikaturen Huldigungen sein können und dass es überhaupt einen beachtlichen Spielraum zwischen Lob und Tadel in politischen Karikaturen gibt.
„Bismarck als Pfau, „Bernie“ als Beyoncé: Porträtkarikaturen zwischen Spott, Spiel und Huldigung“ weiterlesen- Artikel-Bild von © Copyright Dave Hitchborne.[↩]
Diagramm und Stereotyp oder: Wie funktionieren Pressekarikaturen aus Leser*innen-Sicht?
Wer ,mit spitzer Feder’ politische Themen ,aufspießt’, darf sich auch durch morgendliche Anrufe einer missionarischen Abtreibungsgegnerin und eines Rassisten nicht erschüttern lassen. Das erfuhr der US-Karikaturist Doug Marlette im Januar 1991. Sein anregender Werkstattbericht In your face: A cartoonist at work bildet nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal in diesem Blog den Ausgangspunkt für Überlegungen zur Rhetorik der Pressekarikatur. Was also lässt sich aus den beiden Anrufen darüber lernen, wie Pressekarikaturen aus Sicht ihrer Leser*innen funktionieren? „Diagramm und Stereotyp oder: Wie funktionieren Pressekarikaturen aus Leser*innen-Sicht?“ weiterlesen
Bärenvergleich: Zweiter Einblick ins DH-Projekt „Muster der politischen Pressekarikatur“– Korpus und Präsentation
Europa als junge Frau, Russland als gefährlicher Bär – über mehr als anderthalb Jahrhunderte hinweg folgen ein französischer und ein deutscher Karikaturist diesem Muster. „Bärenvergleich: Zweiter Einblick ins DH-Projekt „Muster der politischen Pressekarikatur“– Korpus und Präsentation“ weiterlesen
Deadline und Totentanz: Erster Einblick ins DH-Projekt „Rhetorische Muster der politischen Pressekarikatur” – die Leitfrage
„I work on deadline, so I can’t sit around waiting for inspiration to strike”, formulierte der große US-Karikaturist Doug Marlette 1991 1. Das gilt nach wie vor für die meisten seiner Kolleg*innen. Vielleicht wären sie also dankbar für eine Topik, d.h. Ideensuchsystematik, wie die klassische Rhetorik sie für die Verfertigung von Reden bereithält. Doch gibt es zwar Topiken für Predigten, Gelegenheitsgedichte und andere rhetorische Textsorten – aber nicht für Karikaturen.
Trotzdem müssen Karikaturist*innen nicht täglich das Rad von Neuem erfinden: Sie können auf Bausteine zurückgreifen, die oft Jahrhunderte alt sind, manchmal sogar Jahrtausende – und manchmal nur wenige Wochen. „Deadline und Totentanz: Erster Einblick ins DH-Projekt „Rhetorische Muster der politischen Pressekarikatur” – die Leitfrage“ weiterlesen
- Doug Marlette (1991): In your face. A cartoonist at work. Boston.[↩]
